Die Freiheit beginnt im Zug

Schweizer_wanderwege_loktaufe_zuerich_12mai2026_21

Die Freiheit beginnt im Zug

Wenn ich mit meiner Familie wandern gehe, dann beginnt der Tag fast immer mit einer Zugfahrt. Wir geniessen die komfortable Anreise, planen unsere genaue Route, genehmigen uns einen Kaffee am Bahnhof oder gleich ein zweites Frühstück und kaufen noch Gummibärli, beobachten die vorbeiziehende Landschaft oder dösen noch ein bisschen – und kommen schliesslich entspannt am Ziel an.




Oft führen unsere ein- oder zweitägigen Wanderungen nicht zum Ausgangspunkt zurück, sondern enden in einem anderen Tal, in einem anderen Dorf, weit weg vom Start. Auf dem Rückweg beginnt dann schon die Erholung – oder die Aufarbeitung der Erlebnisse des Tages. Wir sortieren unsere Fotos, posten unsere schönsten Schnappschüsse und kommen ausgeruht zuhause an. An einem Wandertag ins Auto zu steigen, kommt uns nur sehr selten in den Sinn. Sind wir mit Zug, Bus oder Bergbahn unterwegs, beginnt das Erlebnis schon auf der Anreise.


Schweizer_wanderwege_loktaufe_zuerich_12mai2026_18

Mit unserem Präsidenten Simon Stadler an der Einweihung der SBB Lok

Trotz den Annehmlichkeiten des öffentlichen Verkehrs, beginnt jede zweite Wanderung in der Schweiz mit einer Anreise per Auto. Für mich ist das auch aus ökologischen Gründen eindeutig zu viel. Ich könnte mich damit trösten, dass im gesamten Freizeitverkehr rund 80 Prozent der Kilometer mit dem Auto zurückgelegt werden und Wandern somit noch gut dasteht. Doch das genügt mir nicht. Wandern an sich ist zwar eine sehr ökologische und nachhaltige Aktivität, bei der Anreise gibt es aber noch Potenzial. Mitte Mai haben wir daher zusammen mit den SBB eine Lokomotive im Design der Schweizer Wanderwege eingeweiht. Künftig wird sie in der ganzen Schweiz unterwegs sein und die Leute hoffentlich motivieren, ihre Wanderungen auch mit einer Anreise per Zug zu beginnen.

Natürlich ist das nur ein kleiner Beitrag. Ich bin mir bewusst, wie schwierig es ist, die Leute zum Umdenken zu bewegen. Wer sich gewohnt ist, für jeden Ausflug ins Auto zu steigen, und zudem den öffentlichen Verkehr nicht gut kennt, für den ist es ein grosser Schritt, auf den Zug umzusteigen. Auch gibt es sogar in der Schweiz abgelegene Gegenden, wo nur selten ein Postauto fährt. Das macht die Planung schwieriger. Und nicht zuletzt sind oft auch die Kosten ein Hindernis für einen Wechsel zum öffentlichen Verkehr. Gerade wer als Familie oder Gruppe unterwegs ist, überlegt sich zweimal, ob er oder sie viel Geld für drei, vier oder fünf Billette ausgeben will. Selbst die hohen Benzinpreise reichen noch nicht für eine Verhaltensänderung. Zusammen mit den Unternehmen des öffentlichen Verkehrs sind wir intensiv daran, weitere Massnahmen zu prüfen, um die Hemmschwelle zu senken.

Eine Massnahme ist sicher, dass wir noch sichtbarer machen, wie eng das Wanderwegnetz in der Schweiz bereits heute auf den öffentlichen Verkehr abgestimmt ist. Praktisch an jedem Bahnhof der Schweiz – sogar am Hauptbahnhof Zürich - steht ein Wanderwegweiser. Hier beginnen und enden spannende Wanderungen. Dasselbe gilt für viele Bus- und Postautohaltestellen. Zudem sind alle Wandervorschläge, die wir in unserem Magazin DAS WANDERN und auf unserer Webseite schweizer-wanderwege.ch vorstellen auf eine An- und Rückreise mit dem öffentlichen Verkehr ausgelegt. Was wir noch besser aufzeigen können ist, wie viele Möglichkeiten sich eröffnen, wenn man das Auto zuhause lässt und am Schluss des Tages nicht zum Parkplatz zurückkehren muss. Kennt ihr zum Beispiel die erfrischende Wanderung dem Doubs entlang von St-Ursanne nach Soubey oder die atemberaubende Tour über die Greina-Hochebene oder die spektakulären Wege an der Lötschberg-Südrampe? Mit dem ÖV kein Problem, mit dem Auto mühsam oder gar unmöglich.

Die Freiheit beginnt im Zug.

Erfrischende Wanderung entlang des Doubs Nr. 2315
St-Ursanne, gare — Soubey, village • JU

Erfrischende Wanderung entlang des Doubs

Wer einmal am Doubs war, versteht, warum dieser Fluss Maler wie Charles L’ Eplattenier oder Émile Isenbart inspiriert hat. Die Wanderung folgt dem geschwungenen Lauf des Gewässers flussaufwärts, eingebettet in dichte Wälder, vorbei an steilen Kalkfelsen und sanften Wiesenhängen. Der Start in St-Ursanne mit seinen mittelalterlichen Gassen wirkt wie eine Reise in eine längst vergangene Zeit. Über die steinerne Brücke geht es ans gegenüberliegende Flussufer. Der Wanderweg Richtung Tariche schlängelt sich meist direkt oder nahe dem Ufer entlang, mal ist es schattig unter Buchen und Tannen, mal offen mit Blick auf das smaragdgrüne Wasser und saftige Wiesen. Immer wieder begegnet man stillen Buchten, in denen der Doubs fast unbewegt scheint. Die weitere Wanderung Richtung Chervillers wird begleitet vom leisen, meditativen Rauschen des Flusses. Eine Stahlbrücke führt kurz vor Chervillers von der rechten Flussseite auf die linke Seite. In Soubey, einem Dorf mit typischem Juracharakter, lässt es sich zum Abschluss angenehm verweilen – zum Beispiel bei einem feinen veganen Gericht im Restaurant du Cerf.
Verlängerte Südrampe Nr. 0890
Eggerberg — Brig-Glis • VS

Verlängerte Südrampe

Wandern auf Asphalt und Beton macht wenig Freude. Um die Wanderfüsse zu schonen, wurde die Lötschberger Südrampe verlängert und führt heute über spektakuläre Natursteintreppen und entlang der Drieschtneri-Suone nach Naters. Vorher hiess es oberhalb von Brigerbad: runter ins Tal und von dort aus auf der asphaltierten Strasse bis nach Brig. Die Interessengemeinschaft Wanderweg Lötschberger hat mit dem Projekt eine hartbelagsfreie Netzlücke geschlossen und deshalb 2014 den Prix-Rando-Sonderpreis für hartbelagsfreie Wanderwege erhalten. Der Wanderklassiker startet in Hohtenn. In Lalden Bahnhof beginnt die Verlängerung, ab Anstieg Brigerbad, beim Rastplatz mit Holztischen, sind alle Wege neu gebaut. Der erste Bahnwanderweg Europas ist aber nicht nur etwas für Bähnler: Das neue Teilstück führt mehrheitlich weit oberhalb der BLS-Strecke durch, mitten durch den Schutzwald. Die Sonne brennt heiss am Südhang - ohne die vielen Bewässerungsleitungen und Suonen am Wegrand gäbe es keinen Schutzwald. Und ohne diesen wäre die Bahnlinie - und natürlich auch der aufwendig gebaute Wanderweg - Steinschlag und Erosion direkt ausgesetzt. Aus den Bewässerungsleitungen spritzt einen Tag pro Monat Wasser: im Sommer auch für Wandernde eine angenehme Erfrischung. Rund 825 Treppenstufen über kunstvolle Natursteintreppen legen Wanderinnen und Wanderer bis Naters zurück - diese gehen zwar in die Beine, sind aber ein Erlebnis für sich und bieten viele reizvolle Ausblicke in den Talboden. Trockensteinmaurer aus dem ganzen Wallis haben die kleinen Wanderkunstwerke auf traditionelle Bauweise erstellt. Erst in Naters kommen Wandernde wieder mit Hartbelag in Kontakt. Der schöne Dorfkern macht den Weg an den Briger Bahnhof aber wieder wett.
Die Schönheit der Greinaebene Nr. 1796
Vrin, posta — Rabius-Surrein • GR

Die Schönheit der Greinaebene

Bekannt geworden ist die Greinaebene vor allem, weil sie fast überflutet worden wäre. An ihrem untersten Ende, wo sich der Rein da Sumvitg durch eine enge Schlucht zwängt, hätte in den Achtzigerjahren eine 60 Meter hohe Staumauer gebaut werden sollen. Umweltschützer haben dies verhindert und die Greina so zu einem Symbol gegen die Ausbeutung der Natur gemacht. Heute wirken auf dieser einzigartigen Hochebene Wasserkräfte der besonderen Art: frei mäandrierende Wasserläufe, idyllische Moorwiesen, wilde Gletscherbäche, flache Schwemmebenen und immer wieder kleine Seen und Tümpel. Viele bezeichnen die Greina als Kraftort, ein fantastisches Wanderziel ist sie auf jeden Fall. Ein besonders schöner Weg auf die Greina führt von Vrin über den Pass Diesrut zur Terrihütte. Zunächst wandert man auf der Strasse durch die verschiedenen Ortsteile von Vrin bis ganz zuhinterst ins Val Lumnezia, dem Tal des Lichts. Dann geht es durch blühende Wiesen zur Alp Diesrut, über letzte Schneefelder auf den gleichnamigen Pass und wieder hinunter an den Sumvitger-Rhein. Seit 2019 erleichtert hier eine mit dem Prix Rando der Schweizer Wanderwege ausgezeichnete Hängebrücke über die Schlucht den Zugang zur Hütte. Die Terrihütte ist der ideale Ort, um die Nacht zu verbringen und gleich noch einen Tag für eine ausgedehnte Exkursion über die Greinaebene anzuhängen. Der Rückweg ins Tal nach Rabius verläuft zunächst den steilen, steinigen Flanken des Piz da Stiarls und des Piz Miezdi entlang. Weiter unten wird das Val Sumvitg dann grüner und lieblicher. Etwas verloren in der prächtigen Landschaft steht das Tenigerbad, ein ehemaliges Kurhotel, das seit vielen Jahren leer steht. Von hier aus dauert es noch eine gute Stunde, bis der Wanderweg bei Surrein den Talboden der Surselva erreicht und weitere 40 Minuten bis zum Bahnhof von Rabius.
Was würde euch zum Umsteigen vom Auto auf den Zug veranlassen? Ich bin gespannt auf eure Ideen!


Mehr von Michael

  • Blogtitel

    Sind die Wanderwege noch sicher?

    Extremereignisse haben uns in den letzten Jahren mehrfach beschäftigt: Hochwasser und Erdrutsche richteten letztes Jahr im Tessin und im Wallis immense Schäden an. Erst diesen Frühling machten starke Schneefälle bis in tiefe Lagen ebenfalls vorwiegend im Oberwallis nahezu alle Wanderwege unterhalb der Waldgrenze unbegehbar.
  • Panorama-Blog

    Der Blick durch die gelbe Brille

    Zuerst habe ich gedacht: Dieser Mann ist verrückt! Kurz nach meinem Stellenantritt bei den Schweizer Wanderwegen kam Pascal Bourquin zu mir ins Büro und stellte sein Projekt vor. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, sämtliche 65000 Kilometer Wanderwege persönlich abzuwandern.
  • P3130066_n_Julia_Wunsch_highres[1]

    Gehört dem E-Wandern die Zukunft?

    Es gibt doch tatsächlich elektronische Geräte, die einem das Wandern erleichtern. Ich meine damit nicht ausgeklügelte Tools zur Routenplanung oder App-gesteuerte Heizsocken, sondern technische Einrichtungen, die einem beim Gehen unterstützen. Absurd, denke ich im ersten Moment...

    Michael wandert

    Mehr Infos

    Tags

    Transport Anfängertipps

    Mit Klick auf ein Tag können Sie dieses in Ihrem Account hinzufügen und erhalten auf Ihre Interessen zugeschnittenen Content vorgeschlagen. Tags können nur in einem Account gespeichert werden.

    Kommentare

    Noch keine Kommentare

    Artikel wurde dem Warenkorb hinzugefügt.