Der Genfersee glitzert in der Herbstsonne. Die Rebberge unterhalb Bugnaux leuchten immer noch goldgelb, obwohl bereits November ist. Hinter der ersten Kette der Savoyer Alpen glänzt die weisse Kuppe des Mont-Blanc. Zwischen Reben und See ziehen die Autobahn und die Bahngeleise – die Hauptschlagadern des Genferseebogens – feine Linien durch die reiche Kulturlandschaft. Daran aufgereiht stehen die Gebäude, die heute für die Wirtschaftskraft der Region stehen: die Sitze internationaler Firmen, die sich wegen der Steuerpolitik hier ansiedelten.
Zeugnisse alten Reichtums – Schlösser und Herrensitze – sind vom höchsten Punkt der Wanderung in Bugnaux nur mit dem Feldstecher im dicht bebauten Gebiet westlich von Rolle zu erkennen. Das Schloss Le Rosey, in das die Reichsten der Reichen ihre Zöglinge aufgrund der Verschwiegenheit und des ausgezeichneten Rufs des Luxusinternats zwecks Erziehung schicken, kann man von hier aus nur dank der Ufo-artigen Konzerthalle erkennen.
Von Schloss zu Schloss im Rebberg von La Côte
Schon die Römer haben entlang der Moräne, die der Rhonegletscher entlang des Genfersees formte, Wein angebaut. Vom Schloss Rolle führt der Weg den Hang hinauf in das rund 2000 Hektaren grosse Weinbaugebiet La Côte, eines der grössten der Schweiz. Bis Bugnaux, dem Kulminationspunkt der Wanderung, geht es vorbei an den Schlössern Le Rosey und Chatagneréaz. Wie in den Waadtländer Rebbergen üblich, verläuft der Weg meist auf asphaltierten Wegen. Die Sicht auf die Reben, den Genfersee und die Savoyer Alpen mit dem Mont Blanc entschädigt die Wandernden für diese Mühsal. Am Château de Vincy vorbei führt der Weg über Gilly nach Bursins, der Heimat von Bundesrat Guy Parmelin. Sein Dorf zählt neben zwei Schlössern auch zwei typische Landbeizen, die zu einem Glas Chasselas einladen. Weiter geht es durch die Reben Richtung Westen an den zwei Schlössern in Vinzel vorbei nach Luins. Ein Abstecher hinter die strassenseitige Mauer des Schlosses lohnt sich, vor allem, wenn der Degustationsraum geöffnet hat. Nun führt der Weg leicht bergauf Richtung Begnins, dem Dorf mit der grössten Schlossdichte. Am besten zu sehen ist vom Weg aus das Manoir de Cottens, während vom Château de Menthon und vom Château de Martheray nur die Rückseite oder die Aussenmauer sichtbar sind. Einzig von Le Manoir im Dorfkern ist die repräsentative Fassade von der Strasse aus zu sehen. Von Begnins führt der Weg hinunter zum Bach La Serine. Fortan geht es auf Naturwegen im Schutz schmaler Waldstreifen vorwärts. Während des Zweiten Weltkriegs baute die Armee hier eine Verteidigungslinie. Die Tobleronezacken aus Beton sowie ein entsprechender Lehrpfad säumen den Weg zum Genfersee. Linkerhand befindet sich auf dem Gelände der Villen von Napoleons Nachkommen ein Golfplatz. Nach einer kurzen Einkehr im Strandbistro von Promenthoux geht es das letzte Stück hoch zur welschen Dépendance des Nationalmuseums im Schloss Prangins.
In Stein gemeisselter Reichtum
Diese Wanderung führt an über einem Dutzend Schlössern und Herrenhäusern vorbei. In ihnen ist der historische Reichtum der Region in Stein gemeisselt. Dazu kommen im grössten Waadtländer Rebberg La Côte Dutzende herrschaftlicher Winzerhäuser und Villen, die nicht als Schlösser gelten. «Der Reichtum dieser Region, der schöne Rebberg und die unglaubliche Aussicht zogen schon damals viele Reiche an, die hier in grossem Komfort Ruhe suchten», erklärt Denys Jaquet, ehemaliger Gemeindepräsident von Rolle und heutiger Präsident des Vereins Amis du Château de Rolle die enorme Schlossdichte. Und: «Es ist ein kleines Paradies.»
Neben diesen augenscheinlichen Gründen gibt es viele andere Faktoren, die den Bau herrschaftlicher Anwesen begünstigten und prägten. Schlösser hätten ihre Wurzeln im Mittelalter, erklärt Historiker Paul Bissegger. Er ist der Spezialist für die Schlösser der La Côte und hat die entsprechenden Ausgaben der Buchreihe «Kunstdenkmäler der Schweiz» verfasst. Zwischen dem 10. und dem 15. Jahrhundert haben zunächst Könige, später Herzöge, Bischöfe und Grafen, einem Vasallen ein Stück Land zum Lehen gegeben. Oder aufstrebende Adlige rodeten Wald und machten sich Gebiete zu eigen. So wurde die Schweiz mit Herrschaften überzogen. Alle vierzehn Schlösser auf der Wanderung nach Prangins verfügten über eine solche Herrschaft.
Von Bugnaux aus sind Reben und Genfersee zu sehen – dahinter ragen die Savoyer Alpen in den Himmel.
Von den Savoyern …
Vereinzelt übten auch Mönchsorden die Herrschaftsrechte aus, wie Bissegger im Gespräch erläutert – etwa in Bursins. Das Land für das Schloss neben der Kirche und die Rebberge waren ihnen von Adligen geschenkt worden. Die Mönche dankten es ihnen nach deren Tod mit unzähligen Messen und Gebeten.
Die feudale Geschichte ist in vielen der Häuser der Wanderung zu spüren, sei es wegen der Wappen der Herrengeschlechter oder ihres Aussehens. Lehensherr war ab dem 14. Jahrhundert das Haus Savoyen. Architektonisch hat sich der savoyische Einfluss verflüchtigt. Einzig das Schloss Rolle zeugt mit den runden Türmen von den Bauherren von der Südseite des Léman. Alle anderen Schlösser wurden im Verlaufe der Jahrhunderte um- oder von Grund auf neu gebaut.
Besonders während der Reformation kam es zu radikalen Umbauten. Auslöser waren die Berner. 1527 hatten sich Schlossherren aus der Waadt und dem Genfer Umland gegen Genf und damit indirekt gegen Bern in der Confrérie de la Cuillère (Bruderschaft des Löffels) zusammengeschlossen, erzählt Bissegger, der als bald 80-Jähriger nicht auf die Wanderung mitkommen wollte und stattdessen im Waadtländer Kantonsarchiv Auskunft gibt. «Beim Gründungsfestmahl verteilte der Vorsitzende den Rittern Löffel aus Silber, um damit symbolisch ‹Genf zu schlucken›», sagt Bissegger.
Im Land der Schlösser wandert es sich gut. Aussicht von Bugnaux auf den Genfersee.
… zu den Bernern
Die Genfer, die über den Bischof unter starkem Einfluss der Savoyer standen, wollten deren Herrschaft abschütteln. Die Ritter dagegen waren treue Savoyarden und überfielen immer wieder Genfer Händler. Diese suchten Hilfe bei den Eidgenossen. Berner, Freiburger und Solothurner zogen deshalb 1530 durch die Waadt und brannten Schlösser der La Côte nieder. Doch die Ritter, gemäss neuester Forschung eher Raubritter als Verteidiger Savoyens und des katholischen Glaubens, liessen nicht locker. So bat Genf die Berner 1536 erneut um Hilfe. Doch diesmal kamen diese, um zu bleiben – und um die Reformation durchzusetzen. Wieder brannten die Herrschaftssitze. Ihre Savoy-treuen Herren mussten fliehen oder hohe Strafen bezahlen.
Der Wanderung führt ab Bugnaux stetig gegen Westen. Vereinzelt sind noch Krähen zu hören, die Zugvögel haben die Region bereits verlassen. Linkerhand glänzt der See wie ein Spiegel. In der Ferne erhebt sich der Genfer Hausberg, Le Salève. Schon bald nähern wir uns dem Schloss von Vincy. Zu sehen kriegen wir zunächst nur den französischen Garten unterhalb des Weges. Entlang der Mauer warten Dutzende Kiwi-Bäume, dicht behangen, darauf gepflückt zu werden.
Die Pracht französischer Schlossarchitektur ist beim Château de Vincy nur durch das Gittertor zu sehen.
Neubauwelle im 18. Jahrhundert
Das Schloss, zuletzt im Besitz des britischen Stararchitekten Sir Norman Foster, macht sich hinter Bäumen, hohen Mauern und blickdichten Hecken diskret. Die Pracht französischer Schlossarchitektur ist nur durch die Lücken beim Portal zu erahnen.
Der frühere Herr von Vincy war 1536 mit einer Busse davongekommen. Das damals wiederaufgebaute Schloss gibt es heute nicht mehr. Es wurde im 18. Jahrhundert «Opfer» einer Neubauwelle. Bauherren waren Jean und David Vasserot, die 1720 die Herrschaft kauften. Sie konnten es sich als reiche franko-holländische Bankiers leisten: Ihre Gewinne investierten sie in herrschaftliches Grundeigentum in Genf und der Waadt und untermauerten so die eben erst erkaufte Baronswürde.
Neureiche investieren
«Neureiche aus Genf und alter Berner und Genfer Reichtum führten zu einer stetigen Erneuerung der Bausubstanz», erklärt Bissegger. Monumentales Beispiel dafür ist das Schloss Prangins am Ende der Tour. Es ist die grösste Herrschaft am Weg: Die letzten Kilometer befinden wir uns auf dem Land, das der Bankier Louis Guiguer 1723 kaufte. Dieser stammte aus St. Gallen und hiess eigentlich Gyger. Sein Vermögen machte er mit Textilien in Lyon, bevor er nach einer Krise ins Bankgeschäft wechselte und am Hofe von Louis XIV. steinreich wurde und seinen Namen ins Französische umwandeln liess. Er und seine Nachkommen rissen das Schloss ab und bauten es neu im französischen Stil.
Nachdem die herrschaftlichen Rechte mit dem Ende des Ancien Régime verloren gingen und die Nachkommen ihr Geld mit unsicheren militärischen Diensten für die Franzosen verdienten, verkaufte die vierte Generation Guiguer das Schloss 1814 an einen Bruder Napoleons. Später stiessen die Bonapartes das Schloss erneut ab, bauten aber auf dem übrigen Land Villen, die für die meisten heute als Schlösser durchgehen.
Winzer-Schlossherren
Viele Herren nutzten ihre Schlösser als Sommerresidenz. Ein Waadtländer Schloss zu besitzen, gehörte im Ancien Régime und auch danach zum guten Ton. Davon weiss auch der Weinbauer und Schlossherr von Luins, Laurent Baechtold, zu berichten, der die Gäste in seinem Schloss empfängt. Sein Urgrossvater hat es samt den zehneinhalb Hektaren Reben 1909 gekauft. Es hatte über die Jahrhunderte von einer Bernburger Familie zur nächsten gewechselt und wurde oft nur als Sommerresidenz genutzt. Im Garten zeugt ein steinerner Berner Bär davon.
Baechtold muss sein Schloss heute einzig aus den Erträgen des Weinguts unterhalten. Anders als frühere Eigentümer hat er keine anderen Einkünfte oder Vermögen, um das kostspielige Erbe zu erhalten. «Klar ist das manchmal eine Last», sagt er bei einem Glas seines hauseigenen Weissweins. «Aber dieses Kulturerbe ist mit vielen Emotionen verbunden und gehört zu unserem Leben.»
Da der Wein allein heute nicht mehr reicht, um das Gut zu erhalten, setzen er und seine Tochter auf Hochzeiten, Firmenfeste und Apéros. Und er beklagt mit Verve den Niedergang des Weinkonsums, vor allem der einheimischen Gewächse. Und packt damit die eigenen wirtschaftlichen Interessen mit den gesellschaftlichen zusammen – wie dies zuvor auch schon Bissegger getan hatte, als er sagte: «Wenn wir diese ausserordentliche Kulturlandschaft erhalten wollen, müssen wir Schweizer Wein trinken.»
Schlossherr von Luins Laurent Baechtold verkauft Wein und unterhält damit sein Schloss.
Thomas Zimmermann ist Journalist und Gewerkschafter und bildet sich zum Naturpark-Ranger aus. In den Rebbergen von La Côte hat der Berner viel Neues erfahren, auch wenn er schon seit über 30 Jahren in der Romandie lebt und diese auch wandernd erkundet.
chateauderolle.ch
Tipp
Das Schloss Prangins ist seit 1998 der Westschweizer Sitz des Schweizerischen Nationalmuseums. Neben den sehenswerten Dauer- und Sonderausstellungen ist vor allem auch die Gartenanlage einen Besuch wert.