Weitwandern im Wilden Westen
Wir wollten Nordamerika zu Fuss erkunden, Leute kennenlernen, die uns vom amerikanischen «Way of Life» erzählen. Wollten unter dem Sternenhimmel übernachten, tagelang durch einsame Wälder streifen, einmal auf der Ladefläche eines Pick-ups mitfahren. Und genau das bekamen wir: Südlich der kanadischen Grenze führte uns der Pacific Northwest Trail in 74 Tagen vom Bundesstaat Montana durchs mit Kartoffeln bepflanzte Idaho und schliesslich an die raue pazifische Küste Washingtons. Wilder und ursprünglicher hätten wir uns den Westen nicht vorstellen können. Hier gibt es Bären, Pumas und Klapperschlangen. Pferde zertrampeln schwer bepackt die Wege, in Saloons werden Burger serviert, und Goldwäscher hoffen auch heute noch auf das grosse Glück.
Weiten, wie wir sie in der Schweiz nicht kennen – hier von einem Gipfel, von dem früher nach Waldbränden Ausschau gehalten wurde.
Eine Weitwandertradition
Anfang Juli fliegen meine Kindheitsfreundin Nicole und ich von Zürich nach Seattle, treffen da unseren mailändischen Freund Fabrizio. Darauf folgt eine 16-stündige Zugfahrt in den Osten. Diese Strecke – und etwas mehr – laufen wir auf dem Pacific Northwest Trail zurück ans Meer. Wir haben diese Route gewählt, weil der Weg nicht zu populär ist, es rundherum Berge gibt – als Glarnerinnen brauchen wir das – und er die passende Distanz für ein dreimonatiges Visum hat.
Kaum losmarschiert, legen wir uns Trailnamen zu, wie es die amerikanische Weitwandertradition verlangt. Die Namen reflektieren eine persönliche Eigenschaft, einen speziellen Moment oder ein einzigartiges Gepäckstück und sollen ein Gefühl von Gemeinschaft unter den Wandernden kreieren. So wird Nicole, die Schnellste unter uns, zu «Timon» aus König der Löwen. Ich wegen stets aufgekratzter Beine zu «Scratchy» und Fabrizio, den wir letztes Jahr beim Wandern in Norwegen kennengelernt haben, heisst fortan «Giulio Verde», abgeleitet vom Abenteuerautoren Jules Verne.
Bereit für das immer gleiche Abendessen: Kartoffelstock oder chinesische Nudeln. Manchmal auch beides zusammen.
Auffangstation Wohnwagen
Schon nach wenigen Wochen treffen wir auf unseren ersten Trailangel – so werden Menschen genannt, die ihr Zuhause mit Wandernden teilen. Eigentlich brauchen wir nur eine Mitfahrgelegenheit bis zum nächsten Dorf, denn der Proviant ist ausgegangen, und wir müssen einkaufen gehen. Alle vier bis zehn Tage steht ein solcher Resupply an. Angela, kurz Ann, Leiterin eines Campingplatzes, nimmt uns in ihrem riesigen Pick-up mit. Kaum eingestiegen, bietet sie uns an, in ihrem Wohnwagen zu schlafen. Und zu duschen. Und zu essen. Was für eine Wohltat das ist, wenn der Magen zur Abwechslung etwas anderes bekommt als chinesische Nudeln, Erdnussbutter oder Haferflocken mit Milchpulver.
Amerika in einem Biss
Abends führt uns Ann am Lagerfeuer in die Kunst der S’more ein. Mehr Amerika in einem Biss geht nicht: ein süsses Sandwich aus Keks, Schokolade, gebratenem Marshmallow und dann nochmals einem Keks. Während wir Kalorien für die nächsten Tage sammeln, erzählt uns Ann von ihrer Zeit bei der Feuerwehr. Von brenzligen Situationen «that make my nipples hard». Und von Bigfoot, einer haarigen, im Wald lebenden Legende der Native Americans. Über ihn können alle hier im Nordwesten eine Geschichte erzählen. Als Dankeschön für die Unterhaltung und Gastfreundschaft düsten wir mit Anns Golfmobil über den Campingplatz, um die 15 Plumpsklos zu putzen.
Fahrt in den Sonnenuntergang
Neben spontanen Trailangels wie Ann gibt es auch «offizielle» Trailangels, die den Wandernden ihr Zuhause anbieten. So zum Beispiel Marc. In seiner vollausgestatteten Garage – der «Männerhöhle auf Steroiden» – steht ein türkisblauer Cadillac von 1955. Klar fährt uns der grauhaarige Vokuhila-Träger auf einer Spritztour direkt in die untergehende Sonne, unsere Emotionen brennen mit ihr durch. Zum ersten Mal nach 60 Tagen Wandern stehen wir am Pazifik, an einem seiner Meeresarme. In der Ferne schneiden Inseln schwarze Silhouetten ins leuchtende Orangerot. Es bleiben nur noch 14 Tage bis zum Ende der Wanderung.
Trailangel Marc lässt uns nicht nur bei sich übernachten, sondern fährt uns auch in den Sonnenuntergang des Pudget Sounds.
Neue Dynamik bis Cape Alava
Am Tag der Cadillac-Fahrt stösst Elliot «Beats», ein Amerikaner, zu uns. «Camp here?», witzelt der bequeme Hiker an jedem schmucken Plätzchen, an dem wir wandernd vorbeikommen. Zwei Tage später treffen wir vor einem Kiosk Ben «Mash» aus England an. Obwohl das gemeinsame Ziel am Pazifischen Ozean – zusammen mit einem unendlichen Appetit, dem Hiker-Hunger – unsere vielleicht einzige Gemeinsamkeit ist, entsteht eine neue, aufregende Dynamik. Die anderen Gesprächspartner und -themen sowie die neue Rollenverteilung bringen frische Energie in unsere Konstellation.
Je näher wir dem Ende kommen, desto weniger möchten wir aufhören. Auch wenn es bereits dunkel ist und wir müde sind, bleiben wir wach, um noch ein bisschen gemeinsame Zeit zu verbringen. Ben postet auf Instagram: «Würden die Menschen jeden Abend draussen sitzen und in den Sternenhimmel schauen, ich wette, sie würden ganz anders leben.»
Umgeben von sogenannten «Witwen-Machern»: Ohne Vorwarnung können die abgebrannten Bäume kippen. Nicht der sicherste Campingspot, aber wählerisch kann man auf dem Trail nicht sein.
Sie würden die ganze Nacht tanzen, in Regenhosen, Sandalen und Wandershirts, ausgelassen und unbeschwert, bis sie zurück ins Hotel taumelten, sich gegenseitig stützend. Müde wischen wir uns die Tränen weg. Grosse Emotionen haben sich mit ein paar Gin Tonics vermischt. Es ist der letzte Abend unserer Reise, zurück in der Zivilisation.
Zu dritt gestartet, sind wir zu fünft am Ziel angekommen. Der Abschied schmerzt mehr als so manche Blase am Zeh, denn die Freundschaft ist dicker geworden als die Hornhaut an unseren Füssen.
Die Macht der Musik
74 Tage haben wir mit dem schweren Rucksack gekämpft, der sengenden Hitze, kreisenden Gedanken, mit der Motivation, die auf langweiligen Forststrassen manchmal abhandenkommt. Natürlich haben wir auch mit der Idee dieses fast unmöglichen sozialen Experimentes gekämpft – nicht immer hatten wir dieselben Vorstellungen dieses Abenteuers, suchten Kompromisse, manchmal Abstand.
Bei Ebbe gibt der Pazifik seine Bewohner neugierigen Blicken frei. Wer sich beim Bestaunen des Seesterns zu viel Zeit lässt, wird vom Wasser eingeholt.
Oft war es dann die Musik, die uns kittete. «That’s my life» plärrten wir über die wilden Weiten, als wären wir ein Orchester. Fabrizio übte sich im Operngesang, Nicole und ich interpretierten Patent Ochsner.
Über uns drei sinnierend schrieb ich in mein Tagebuch: «Was eine gute Freundschaft ausmacht? Dass man aneinander glaubt, einander hilft und so zusammen mehr schaffen kann, als man je von sich gedacht hat.»
Magische Momente
Menschen wie Ann, Marc, Elliot oder Ben, die man auf und neben dem Trail trifft, machen jede Weitwanderung einzigartig. Wir nennen es «Trailmagic». Wer ein Land so langsam entdeckt, hat immer Zeit für Überraschungen. «The trail provides» ist einer der Sätze, die sogenannte Thru-Hiker, die den Trail an einem Stück laufen, predigen, weil sie immer wieder erfahren, dass der Weg das bereitstellt, was man am meisten braucht. Manchmal ist es Wasser, eine Mitfahrgelegenheit, ein anderes Mal ist es einfach ein gutes Gespräch oder eine neue Bekanntschaft.
Jemand hat immer Hunger, von links: Elliot, Fabrizio, Nicole, Delia und Ben.
Länge: 2000 Kilometer
Höhendifferenz: 60 000 Meter
Empfohlene Wegrichtung: von Ost nach West
Anreise: per Flugzeug nach Seattle, von dort mit Zug und Autostopp in den Glacier National Park, Montana
Zeitpunkt: ab Mitte Juni
Dauer: 3 Monate
Zelten: Wildcampen generell erlaubt, in den Nationalparks nur in den Camps mit Bewilligung, Reservation erforderlich
Budget: ca. 4000 Franken
Buchtipp: Tim Youngbluth, «Pacific Northwest Trail Digest 2022»
App: FarOut-App