Irgendwann mitten in der ersten Hitzewelle dieses Jahres blieb ich auf meinem Balkon kleben. Während mir ein leichter Wind wie ein heisser Föhn sämtliche Sinne vernebelte, entdeckte ich auf dem Stuhl gegenüber von mir zwei braune Raupen, ihre langen, feinen Härchen flatterten. Ich rieb mir die Augen – Prozessspinner?!
Ich zückte mein kochend heisses Handy und verglich wie eine Wahnsinnige meine haarigen Raupen mit solchen aus dem Internet. Prozessspinner können allergische Reaktionen auslösen, habe ich gelesen, das Einatmen der Härchen ist gefährlich. Mir schwindelte; nicht wegen der Raupen, redete ich mir ein, wegen der Hitze. Eine zuverlässige Identifikation erwies sich als unmöglich, also sperrte ich die Raupen mit angehaltenem Atem in ein Konfiglas und stellte sie auf den Balkontisch.
Ich löste mich vom Liegestuhl und flüchtete mit dem Postauto aus der Stadt. Als ich mich auf dem Hügel am Wald aufs brennende Trottoir plumpsen liess, taumelte ich. Geriet gerade die gesamte Welt aus den Fugen oder war vielmehr ich es? Ich wartete kurz, bis der Schwindel nachliess, und trat unter die schattigen Bäume. Hier war alles wie immer. Auf meinem Weg durch den Wald dachte ich über dieses Symptom nach, das vielleicht gerade sinnbildlich für ein kollektives Lebensgefühl stehen kann. Schwindel wird auch als Scheinbewegung zwischen sich und der Umwelt definiert, also als ein merkwürdiger Zustand von Entkoppelung, Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit.
Ob der gesamten Endzeitstimmung kam ich nicht umhin, den Schwindel auf meinem Spaziergang im Wald trotzdem ein wenig zu geniessen – auch in einem Freizeitpark dreht einem der Kopf. Mit jedem Schritt gab ich mich dem Rausch mehr hin, wurde ruhiger und gleichzeitig leichter. Während sich mein Körper langsam abkühlte, erinnerte ich mich an die Worte meiner Grosseltern, als ich sie fragte, wie sie die Hitze überlebten: Wir nehmen es gemütlich. Ich beschloss, die Raupen zu Hause wieder freizulassen – oder zumindest vorübergehend in den Schatten zu stellen.
Morgen soll es regnen.