Wie Augen schauen Bergseen aus den Alpen heraus: Sie leuchten fast immer verführerisch, als hätte sich das Gebirge extra für die Wandernden zurechtgemacht. Mal sind es kleine, mal grosse Augen, von dunkelblau bis smaragdgrün schillernd, aus türkisfarbener Gletschermilch oder in karibischer Farbe, durchsichtig bis auf den Grund oder unergründlich und geheimnisvoll.
Manche dieser Seeaugen können sogar komplett ihre Farbe wechseln. Nicht etwa durch einen anderen Lichteinfall, sondern aufgrund von Klimaveränderungen: Das haben Forscher herausgefunden. Christoph Wanner ist einer von ihnen. Der Dozent am Institut für Geologie der Universität Bern widmet sich seit geraumer Zeit dem Phänomen, dass mehr und mehr Bergseen eine helle Farbe annehmen und Bäche bzw. deren Steine schneeweiss werden.
Zum Lago Vago, dem türkisfarbenen Bergsee
Rundum ein Augenschmaus, dazu noch eine abwechslungsreiche und spannende Wegführung – das verspricht diese Gipfeltour. Am besten wählt man einen sonnigen Tag, denn erst dann kommen die Farben des Sees und des Gesteins so richtig zur Geltung. Bis zum Lago Vago ist es eine leichte Bergwanderung, auch noch bis zum Gratansatz. Wer weiter will, benötigt einen sicheren Tritt und Schwindelfreiheit. Zwar bewegt man sich am Gipfelkamm meist durch Gehgelände, doch recht exponiert, hie und da müssen die Hände eingesetzt werden. Die Wanderung beginnt auf dem Forcola di Livigno und folgt zunächst der Grenzlinie zwischen dem Engadin und dem Veltlin. Am Grenzstein auf der Passhöhe biegt man in den Pfad südöstlich bergwärts, vorbei an der Madonna delle Acque, ins Val Orsera. Bei P. 2461 – nun schon in Italien – gabelt sich der Weg und man biegt links ab. Al Vach und Lach dal Vach steht auf den Wegweisern, Monte Vago und Lago Vago im lokalen Dialekt. Vach vom lateinischen vacuum, also «leer», bezeichnet das öde und unbewirtschaftete Gelände, das das Gebiet des Monte Vago charakterisiert. Der italienisierte Name Vago steht für «instabil», wie ein Grossteil der Hänge hier. Nach einem steilen Aufstieg schlängelt sich die Route nordöstlich zum Kar des Monte Vago, in das sich der See bettet. Viele wollen der leuchtenden Perle nahe sein, das zeigt ein Trampelpfad ans Ufer hinunter. Der offizielle Wanderweg führt oberhalb des Sees durch Blockwerk zum Gratansatz des Monte Vago bei P. 2906. Nun geht es rechts der felsigen Kammschneide und den rot-weiss-roten Markierungen nach auf den Gipfel, wo man sich ins Gipfelbuch eintragen kann. Traumhaft die Rundschau: die Berninagruppe, das Hochtal von Livigno, Ortler und Königsspitze stechen hervor. Auf dem gleichen Weg kehrt man zurück. Früher konnte auf dem Forcola di Livigno auch übernachtet werden, das ist seit einigen Jahren leider nicht mehr möglich.
Forschungsergebnisse breit streuen
Alles fing damit an, dass eine Studentin aus dem Engadin Steine vorbeibrachte, die mit einer weissen Schicht überzogen waren. Da standen viele Fragezeichen im Raum, und Christoph Wanner sollte das Rätsel lösen. Schnell fanden sich die richtigen Kollegen zusammen. Gerhard Furrer von der ETH Zürich hatte aufgrund seiner Studie über Aluminiumflocken das Phänomen bereits Ende der 1980er-Jahre vorausgesagt, doch waren in der Schweiz noch keine vergleichbaren Orte bekannt.
Das sollte sich ändern, denn die Steine führten die Forscher ins Bachbett der Ova Lavirun. Mit den nötigen Laborutensilien waren sie losgezogen, in das abgelegene Seitental im Oberengadin, um den Ort nahe der italienischen Grenze zu untersuchen. In der Folge entstand ein Video, das sie 2020 ins Netz stellten, in dem Gerhard Furrer und Christoph Wanner die Entstehung der weissen Färbung erklären.
«Das ging viral, im Nu hatten wir zig Mails von aufmerksamen Menschen, die uns detaillierte Angaben zu anderen Standorten mitteilten, wo ihnen ein ähnliches Phänomen aufgefallen war», begeistert sich Christoph Wanner. «Eine geniale Idee von Gerhard, unsere Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Citizen Science, wie es auf Neudeutsch so schön heisst. Damit möchten wir die Bevölkerung auch anregen, besondere Naturphänomene wahrzunehmen.»
An die zehn Standorte sind mittlerweile zusammengekommen, darunter der Lago Vago. Die Arbeit an diesem See habe ihm besondere Freude gemacht, meint Christoph Wanner, es sei ein landschaftliches Juwel. Am besten ziehe man bei klarem Wetter los, empfiehlt er.
Weisse Aluminiumflocken sorgen für die intensive Farbe des Lago Vago.
Rotes Gestein
Gesagt, getan. Beim Grenzstein auf der Passhöhe beginnt unser Pfad und zieht der Grenze entlang bergwärts. Nur wenig später überrascht an einer kleinen Aussichtskuppe eine meterhohe Skulptur. Mit «Signora delle Acque» möchte der Trentiner Künstler Guglielmo Bertarelli, auch unter dem Namen el Duca bekannt, an die Wertschätzung von Mutter Erde und Wasser erinnern, wie er auf einer Infotafel erklärt.
Der Blick bleibt aber auch am mächtigen Berninamassiv hängen. Es begleitet uns fast auf der ganzen Tour. Bald wird das Grün des weitläufigen Alpgeländes von Gesteinsschutt abgelöst. Dieser leuchtet in Rot und erinnert uns daran, was Christoph Wanner gesagt hatte. Das Phänomen tauche nur im Dreiländereck Graubünden-Tirol-Lombardei auf, wo pyrithaltiges Gestein dominiere.
Fliesst das Wasser nur langsam, setzt die weisse Farbe an den Steinen und am Seeboden an.
Weisses Bachbett
Und dann können wir unseren Augen kaum trauen, als der See auftaucht. Als stünden wir in einem Chemielabor in freier Natur, so künstlich wirkt seine Farbe. «La Perla blu di Livigno» beschreiben die Einheimischen den Lago Vago. Wie die meisten zieht es auch uns auf einen Abstecher direkt an den See, wo wir eine ausgiebige Pause einlegen. Am Ausfluss des Sees sieht man weisse Steine aus dem Bach ragen.
Aluminiumsulfatflocken, hatten die Geologen im Video erklärt, überziehen die Steine mit einer weissen Schicht. Das hängt mit dem pH-Wert des Wassers zusammen: Wenn das Mineral Pyrit in Kontakt mit Wasser kommt, entsteht Schwefelsäure, die den pH-Wert des Wassers stark absenkt.
Dieses saure Wasser hat die Fähigkeit, Aluminium aus dem Gestein zu lösen. Bei langsamer Fliessgeschwindigkeit kommt es zu einer hohen Anreicherung, das weisse Aluminium lagert sich auf den Steinen ab. Auf dem Weg talwärts fliessen dann andere Gewässer in den Bach, was den pH-Wert wieder erhöht. Damit nimmt die Löslichkeit des Aluminiums wieder ab, die weisse Schicht flockt aus.
Weisse Zeugen bei wärmerem Klima
Solche weissen Flocken auf dem Grund des Sees verleihen diesem seine besondere Farbe. Um ihn zu untersuchen, hatte das Geologenteam keine Mühen gescheut und gar ein kleines Boot einfliegen lassen, um von der tiefsten Stelle Proben entnehmen zu können. «Sedimente sind wie Archive, um in die Vergangenheit zu schauen», sagt Christoph Wanner.
In der Schichtungsprobe stiessen sie auf eine dünne, weisse Schicht, die vermuten lässt, dass es um 1000 n. Chr., also vor der kleinen Eiszeit, schon einmal eine ähnliche Situation gegeben hatte. Erwärmt sich das Klima wie in der heutigen Zeit, schwindet der Permafrost aus den Blockgletschern – Felder aus einer Mischung von gefrorenem Gesteinsschutt und Eis. Das aus dem Gestein gelöste Aluminium wird verstärkt an die Bergbäche abgegeben.
Christoph Wanner bei der Arbeit im Bachbett des weissen Ova Lavirun im Oberengadin. © zVg
Blockgletscher als Begleiter
Der Weg führt uns oberhalb des Sees in einem grossen Halbbogen weiter. Im Aufstieg zum Monte Vago queren wir etwas später einen Blockgletscher. Ein solcher befindet sich immer in der Nähe des weissen Phänomens, weil aufgrund des langsam fliessenden Grundwassers viel Zeit für die Verwitterung von Pyrit bleibt, vermuten einige Geologen.
Der klar ausgeprägte Wanderweg lässt uns den Blockgletscherabschnitt gefahrlos passieren. Dann werden all unsere Gedanken von der Kraxelei über die Kammschneide zum Gipfel in Anspruch genommen. Spannend und abwechslungsreich, wie das Panorama. Aus der ockerfarbenen Gebirgswüste sticht im Nordosten das grüne Tal von Livigno heraus, im Südwesten die Gletscherhaube der Bernina.
Baden erlaubt
Von hoch oben beobachten wir, wie ein Pärchen dem leuchtenden Wasser des Lago Vago nicht widerstehen kann und sich eine Abkühlung verschafft. Baden im See sei kein Problem, beruhigt Christoph Wanner bei späterer Nachfrage. «Weniger gut aber wäre, wenn das Wasser über längere Zeit konstant getrunken würde. Ein grösseres Problem als das Aluminium wären dabei vermutlich Nickel und Mangan. Die Konzentrationen dieser Elemente im Lago Vago liegen deutlich über dem Grenzwert für Trinkwasser. Im Gegensatz dazu ist die Konzentration von Aluminium im Wasser durch die Bildung der weissen Aluminiumsulfat-Präzipitate limitiert. Wenn man das Wasser einmal trinkt, dürfte man aber vermutlich nicht schwer krank werden.»
Die Quelle des Lebens
Weil sich die Standorte der weissen Bäche und Seen alle über einer Höhe von 2500 Metern befänden und durch abfliessende Bäche auf dem Weg talwärts die erhöhten Werte wieder Normwerte erreichten, gebe es bisher keine Auswirkung auf das Trinkwasser in den Talgemeinden. Umso wichtiger sei die Kontrolle bei den Quellfassungen, denn das Phänomen werde sich mit dem globalen Temperaturanstieg mehren, so der Geologe.
Bei Tiefblick auf das blaue Auge machen wir uns auf den Rückweg und sind rechtzeitig am Forcola, um noch den Bus und dann die Bahn zu erwischen. Auf dem Berninapass glitzert durch das Zugfenster verführerisch der Lago Bianco. So, als wären die Seen einzig dafür da, um uns schöne Augen zu machen.
Das Berninamassiv ist ständige Begleiterin auf dieser Wanderung.
Tipp
Zwischen Pontresina und Berninapass steht direkt an der Haltestelle Bernina Suot das Hotel Berninahaus. Diese ehemalige Pferdewechselstation, 1515 erbaut, mit urgemütlichen Räumlichkeiten war schon den Pionieren ein wichtiger Stützpunkt. Das Übernachten wie das Speisen in der holzgetäfelten Colani-Stube macht Laune, auch weil umwerfend gekocht wird. berninahaus.ch.
Allzu viele Busse fahren nicht auf den Forcola di Livigno Umso mehr wundert uns, dass in dieser Einöde so reger Verkehr herrscht. Bis wir das Schild «Liquori, Profumi, Sigarette» sehen und es uns wie Schuppen von den Augen fällt. Klar, Livigno ist zollfreies Gebiet und dazu zählt auch dieser Grenzpass.
Der kleine Laden im Rifugio Tridentina ist bereits frühmorgens gut besucht. Schlaraffenland für so manche, mit niedrigen Preisen bei Spirituosen, Tabak, Schokolade und Parfüm. Aber auch Käse, Würste und Salami zeigen moderate Preise. Das gute Sortiment an Bergkäse oder «Slinzega», demVeltliner Trockenfleisch, kommt wie gerufen, um sich für das Picknick mit den lokalen Spezialitäten einzudecken.
Nebenan locken Restaurant und Bar mit günstigen Gerichten. Wir geniessen «un vero Cappuccino» und kommen mit Cristina Galli ins Plaudern, die vormittags die Bar betreut, während ihr Bruder Evaristo den Laden schmeisst. Eine Familienangelegenheit, seit die Mutter 1963 einen Kiosk auf der Passhöhe eröffnete. Als die Associazione Alpini di Sondrio 1975 die alte Kaserne erstand und umbaute, zog man um ins Rifugio Tridentina. Jeden Tag in der Woche haben sie geöffnet, erzählt Cristina, da freue man sich dann auf die freie Zeit im Winter, wenn die Passstrasse geschlossen sei.
Bis 1951 war Livigno gar sechs Monate lang gänzlich von der Welt abgeschnitten, was dem Hochtal den Beinnamen «Piccolo Tibet» einbrachte. Auch die zollfreie Zone geht auf die früher im Winter abgeschnittene Lage zurück. Napoleon wollte mit diesem Sonderstatus die Bewohner zum ganzjährigen Bleiben bewegen.