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Wanderreportagen ABO

Wirtshäuser aus vergangenen Zeiten

Auf einen Blick: Champéry VS
29.05.2026 • Text und Bilder: Rémy Kappeler
Sonnenuntergang geniessen und dann in der Cantine übernachten. © zVg

«Ihr kommt, um den Abwasch zu machen?», fragt der Kellner in der Cantine de Barmaz und lacht herzlich. Rund um ihn läuft es wie in einem Bienenhaus, die Vorspeisen einer Wandergruppe stehen bereit. Und dennoch findet der Kellner Zeit für eine kurze persönliche Begrüssung. Dann aber geht es los, das Abendessen will serviert sein, und wir gehen erst mal duschen. Kurz darauf betreten wir die Gaststube, ein kleiner Ofen spendet Wärme, sodass die Backen der Wandernden rot glühen. Die Menüs sind auf einer schwarzen Tafel notiert: Walliserteller, Salade du randonneur und natürlich Fondue nach hausgemachter Mischung. Und als Vegigericht gibt es die Cholera: einen traditionellen Gemüsekuchen aus dem Wallis.

Im Val d’Illiez haben Cantines Tradition. Ehemalige Alpbetriebe, die in der Belle Époque zu kleinen Gasthäusern wurden. Mit dem aufkommenden Wohlstand und dem Bau von Grandhotels und Eisenbahnstrecken nahm der Luxustourismus Fahrt auf. Montreux war Ausgangspunkt für alpine Ausflüge mit der Bahn nach Champéry, von wo die Gästinnen und Gäste mit Taxis oder zu Fuss nach Barmaz kamen. «Sie klopften bei den Alphäusern an und wollten verpflegt werden», erzählt Olivier Demange, der die Cantine de Barmaz zusammen mit seiner Frau Valérie führt. «So baute man zuerst aus einem kleinen Stall ein Café mit einigen Tischen.» 1891 wurde die Hütte am Fusse der Dents Blanches schliesslich komplett zu einer Cantine umgebaut, in der heute drinnen 80 und auf der Terrasse 160 Personen bewirtet werden können. Sie spüren beim Aufenthalt noch heute einen kleinen Hauch des Charmes aus vergangenen Zeiten.

Durch Champérys Felsenkessel zur Cantine
Champéry, Grand-Paradis — Champéry, Barme • VS

Durch Champérys Felsenkessel zur Cantine

Diese Wanderung verläuft zum grossen Teil entlang eines imposanten Felsenkessels zwischen den Dents du Midi und den Dents Blanches. Die Wände sind hoch und steil, mehrere Wasserfälle sprudeln mächtig von ihnen auf die grüne Alp herunter. Doch erst muss man sich dieses Naturspektakel etwas erarbeiten. Vom Bahnhof in Champéry wandert man runter nach Les Couailles – oder man nimmt das Touristenbähnli, die Navette, nach Le Grand-Paradis. Dann beginnt der Aufstieg, der aber schon nach einigen Höhenmetern durch die Cascade de la Saufla unterbrochen wird: Bevor der Weg den Bach quert, führt ein kleiner Weg rechterhand zum Wasserfall – der kurze Abstecher lohnt sich. Durch den Wald arbeiten sich die Wandernden anschliessend immer höher, bis sie auf eine Alp kommen. Nun kommt der eingangs erwähnte Abschnitt, der mehrere grosse Bäche quert – einen davon über die Hängebrücke Belle Étoile. Ausgangs des Felsenkessels lohnt sich dann ein Halt im Refuge de Bonavau – nicht nur wegen der Früchtekuchen. Nun steht ein erneuter Anstieg an. Auf dem Bergrücken angelangt, gibt es einen Abstecher zum kleinen Gipfel Signal de Bonavau. Der Blick reicht – an den Dents du Midi vorbei – bis ins Rhonetal. Fortan geht es fast nur noch bergab über Schafweiden und durch Wald. Bis die Ebene von Barme erreicht ist: Dort warten zwei Cantines auf die Wandernden. Es sind ehemalige Alpen, die durchs Aufkommen des Tourismus im 19. und 20. Jahrhundert zu kleinen Restaurants umgebaut worden sind – und heute noch Feines auf den Tisch zaubern. Man ist nicht allein, fährt doch eine Navette von Champéry nach Barme und zurück. Zudem ist es auch mit dem Auto erreichbar. Das tut der Schönheit des Fleckchens aber keinen Abbruch.

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