1
Kolumne ABO

Wandern ist schwärmen

10.04.2026

Nach langer Zeit habe ich es wieder einmal geschafft, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um einen Sonnenaufgang zu bestaunen. Der orange Streifen am Horizont und das dunkle Wasser davor haben in mir ein kurzes, heftiges Gefühl von Verliebtheit ausgelöst. Das Leuchten hat sich in meine Netzhaut eingebrannt und mich noch lange begleitet; immer, wenn ich die Augen schloss, war die Sonne wieder da. In den Tagen darauf geriet ich darüber mehrfach ins Schwärmen.

Das Schwärmen fiel mir ausserordentlich leicht, und ich bin sicher, dazu tragen auch der Frühling und die dadurch angekurbelte Serotoninproduktion ein gutes Stück bei. Der Begriff «schwärmen» kommt vom Substantiv Schwarm. Schwarm ist ein lautmalerisches Wort und bezieht sich auf das Summen, Schwirren oder Rauschen eines Bienenstocks. Das passt gerade gut: Jeden Frühling schwärmt nämlich die Hälfte eines Bienenvolks unter dem Regime der alten Königin aus und sucht sich eine neue Bleibe.

Mit einem summenden Bienenschwarm in meiner Brust und dem Kopf leicht wie ein Heliumballon sitze ich auf einer Bank am Fluss und beobachte eine Mückenwolke über dem Wasser. Schwärmen könnte man vielleicht als eine zugewandte Geste beschreiben, als eine Art, Bewunderung zu verspüren. Vielleicht Fan-Sein? Ich schwärme für meinen kleinen Neffen, der aktuell ein grosser Fan der Farbe Gelb ist. Ich schwärme für warme Luft, die nach Asphalt riecht. Ich schwärme für das Meer. Ich schwärme für Bäume, die im Wind rauschen wie das Meer. Ich schwärme für kaltes Mineralwasser mit extrem viel Sprudel. Ich schwärme für jede meiner Schwestern und alle meine Freundinnen.

Mir gefällt das widerständische Potenzial von Schwärmen: Schwärmen hat überhaupt nichts mit Produktivität zu tun. Vielmehr ermöglicht es einem, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, sich nach Lust und Laune hineinzusteigern und aller Logik zu entziehen. In der Natur fällt mir das Schwärmen besonders leicht. Das Wandern ist doch die ideale Gelegenheit, auszuschwärmen, in der Bewegung seine Gedanken treiben zu lassen und sich immer wieder neu zu verlieben.

Über die Autorin und Illustratorin

Autorin: Ava Slappnig hat Germanistik, Gender Studies und Kulturpublizistik studiert. Sie arbeitet als Aufsicht im Kunstmuseum Bern und als Journalistin im Kulturbereich. Neben den offiziellen Wanderwegen erkundet sie auch mal Diskurse, Ideen und gesellschaftliche Phänomene.

Illustratorin: Zu jeder Kolumne gestaltet die junge visuelle Gestalterin Leonie Jucker aus Bern eine lllustration.

Lesen Sie mit einem Jahresabo von DAS WANDERN gleich weiter und geniessen Sie weitere Vorteile:
  • Exklusiver Online-Zugang zu über 1000 Wandervorschlägen
  • Online Routen-Editor zur Planung Ihrer eigenen Wanderungen
  • 20% Rabatt im Onlineshop der Schweizer Wanderwege
  • und viele weitere Vorteile unter Magazin DAS WANDERN

Artikel wurde dem Warenkorb hinzugefügt.