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Wanderreportagen

Soziale Wanderratten

Auf einen Blick: Bremgarten BE
27.02.2026 • Text: Jürg Steiner

Nicht nur Menschen wandern, sondern auch Ratten. Wanderratten stammen ursprünglich aus Zentralasien, wanderten aber als blinde Schiffspassagiere ab dem 18. Jahrhundert in Europa ein und kamen so zu ihrem Namen. Heute sind sie auf der ganzen Welt verbreitet.

Michael Taborsky, emeritierter Berner Professor für Verhaltensökologie, befasst sich seit Jahrzehnten mit Wanderratten. In einer idyllischen Waldlichtung im Bremgartenwald direkt an der Aare befindet sich das Forschungsinstitut der Universität Bern, an dem er mit seinen Forschungsteams tiefe Einsichten in das soziale Verhalten von Wanderratten erlangte. Das saloppe Fazit: Wanderratten sind dem Menschen ähnlicher, als man denken würde.

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Wanderratten sind dem Menschen ähnlicher als erwartet: Das hat die Universität Bern herausgefunden. © zVg

Schon früher erkannten Taborsky und seine Kollegen, dass Ratten in eine Röhre eingesperrte Artgenossen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Sondern sie in einer empathischen Aktion befreien. Die Frage, die sich stellt: Warum legen die Tiere so viel Mitgefühl an den Tag? Die Forschung in Bern zeigt eindeutig: Für das soziale Engagement bekommen die Ratten etwas zurück: Kooperation der Kollegen. Die befreiten Ratten arbeiten danach mit den Befreiern bei der Futtersuche eher zusammen.

«Soziale Erfahrungen und erhaltene Hilfe sind wichtiger für die Kooperationsbereitschaft als genetische Faktoren wie die Verwandtschaft», bilanziert Michael Taborsky. Das könnte bedeuten, dass hilfsbereites Verhalten gegenüber Artgenossen in Not die eigenen Überlebens- und Fortpflanzungschancen erhöht. «Möglicherweise wird mitfühlendes Verhalten durch natürliche Selektion gefördert», sagt Taborsky. Naheliegend sei aufgrund der Forschung, «dass Empathie vielleicht nicht eine rein menschliche Eigenschaft ist», sondern ein Identitätsmerkmal auch von Wanderratten.


Strecke für Formel-1-Rennen

Der Bremgartenwald war nicht immer eine Ruheoase. Ab 1931 war er Austragungsort von Motorsportanlässen. Auf dem gut sieben Kilometer langen «Bremgartenring» wurden zwischen 1950 und 1955 sogar Formel-1-Rennen ausgetragen. Danach wurden solche Rennen in der Schweiz verboten. Der Kurs durch den Bremgartenwald galt wegen seiner Hochgeschwindigkeitskurven als herausfordernd für die Fahrer. Es kam zu mehreren tödlichen Unfällen. Wandernde nutzen die frühere Rennstrecke heute für ein paar Hundert Meter beim Campingplatz Eymatt.

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Automobilweltmeisterschaft 1952 in Bern. © Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_M01-0001-0001


Wald der Burger

Die Burgergemeinde Bern ist die grösste und wohlhabendste Burgergemeinde der Schweiz. Sie unterstützt das Kultur- und Gesellschaftsleben in der Bundesstadt mit jährlichen Millionenbeiträgen. Ihr gehört auch der Bremgartenwald. Sie will den Wald mindestens kostendeckend bewirtschaften. Das führt immer wieder zu Konflikten mit Erholungsuchenden.

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Der Bremgartenwald grenzt an die Aare. © Jürg Steiner


Pionierwerk Halenbrücke

Die Halenbrücke schwingt sich in 40 Metern Höhe über die Aare. Erbaut wurde sie zwischen 1911 und 1913, und zu dieser Zeit war sie ein Pionierbauwerk. Erstmals wurde armierter Beton für eine so mächtige Brücke verwendet. Ihre Bogenspannweite beträgt 87 Meter. Zuvor hätte man für diese Dimensionen eine Eisenbrücke gebaut.

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87 Meter lang ist die Halenbrücke. © Jürg Steiner

In der stadtnahen Natur an der Aare
Bern Felsenau • BE

In der stadtnahen Natur an der Aare

Am Startpunkt dieser gemütlichen Rundwanderung, bei der RBS-Bahnstation Felsenau, ist man noch mitten in der städtischen Zivilisation. Über dem Kopf den Autobahnviadukt, vor den Augen die Schnellstrasse, im Rücken die Stadt Bern. Aber es braucht nur ein paar Schritte durch eine Art Unterführung, und schon kann man erahnen, was diese ganzjährig schöne Wanderung im Frühjahr ausmacht: die Variation von Grüntönen im Wechselspiel von Aare und Bremgartenwald. Der Weg führt zuerst hinunter zur Aare und dort über den schmalen Seftausteg ans andere Ufer. Erst 2025 wurde dieser Uferabschnitt renaturiert. Schon bald gerät flussabwärts die imposante Halenbrücke, die den Fluss auf 40 Metern Höhe überquert, ins Blickfeld. Es geht weiter über einen breiten, nicht asphaltierten Weg durch unbebautes Gebiet. Nach knapp einer Stunde erreicht man grün überwucherte Wohnsiedlungen. Die Überbauungen Aumatt und Schlossmatt, erbaut ab den 1980er-Jahren, gehören zu den ersten Berner Siedlungen, mit denen urbanes, gemeinschaftliches Lebensgefühl in die Agglomeration verlagert wurde. Auf dem Lochmattsteg, der zurück ans andere Ufer führt, vermitteln die Wohntürme des Kappelenrings am Horizont Grossstadtgefühle, während unter den Füssen die Aare träge ins Naturparadies Wohlensee fliesst. Der Weg führt nun aareaufwärts leicht ansteigend und schattig zurück. Einmal öffnet sich Richtung Aare eine grosse, aussichtsreiche Lichtung. Hier befindet sich die Ethologische Station der Universität Bern, wo unter anderem soziale Verhaltensexperimente mit Wanderratten durchgeführt werden. Gleich darauf wird man wieder vom Wald verschluckt. Nach einem kurzen Anstieg quert man den überraschend steilen Glasgrabe. Bald erreicht man die Abwasserreinigungsanlage Neubrück – und damit die Zivilisation. Wenige Minuten später steht man wieder am Ausgangspunkt.

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